Bausteine einer positivistischen Methode, (nicht nur) Literatur zu betrachten

25. The words we call expressions of aesthetic judgement play a very complicated rôle, but a very definite rôle, in what we call a culture of a period. To describe their use or to describe what you mean by a cultured taste, you have to describe a culture.[1] What we now call a cultured taste perhaps didn’t exist in the Middle Ages. An entirely different game is played in different ages.

26. What belongs to a language game is a whole culture. In describing musical taste you have to describe whether children give concerts, whether women do or whether men only give them, etc., [...] In aristocratic circles in Vienna people had [such and such] a taste, then it came into bourgeois circles and women joined choirs, etc. This is an example of tradition in music.

27. [Rhees Is there tradition in Negro art? Could a European appreciate Negro art?

28. What would tradition in Negro Art be? That women wear cut-grass skirts? etc., etc. I don’t know. I don’t know how Frank Dobson’s appreciation of Negro Art compares with an educated Negro’s.[2] If you say he appreciates it, I don’t yet know what this means.[3] He may fill his room with objects of Negro Art. Does he just say: “Ah!”? Or does he do what the best Negro musicians do? Or does he agree or disagree with so and so about it? You may call this appreciation. Entirely different to an educated Negro’s. Though an educated Negro may also have Negro objects of art in his room. The Negro’s and Frank Dobson’s are different appreciations altogether. You do something different with them. Suppose Negroes dress in their own way and I say I appreciate a good Negro tunic — does this mean I would have one made, or that I would say (as at the tailor’s): “No ... this is too long”, or does it mean I say: “How charming!”? Suppose Lewy has what is called a cultured taste in painting. This is something entirely different to what was called a cultured taste in the fifteenth century. An entirely different game was played. He does something entirely different with it to what a man did then.

1 To describe a set of aesthetic rules fully means really to describe the culture of a period.—T.

2 Frank Dobson (1888-1963), painter and sculptor; was the first to bring to England the interest in African and Asian sculpture which characterized the work of Picasso and the other Cubists during the years immediately preceeding and following the First World War.—Ed.

3 Here you haven’t made what you mean by ‘appreciate Negro Art’ clear.—T.

Ludwig Wittgenstein, Lectures & Conversations on Ăsthetics, Psychology and Religious Belief [1938], ed. C. Barret (Oxford, 1966), p.8-9.

Begriffsinstrumentarien

(1.) Bestehender wissenschaftlicher Usus ist es, unwissenschaftliche, antiquierte Terminologien durch moderne, akkurate zu ersetzen. (2.) Die Handhabe zeitigt nicht die Folgen, die sie angeblich zeitigen soll.|<82> (3.) Sie wird dennoch als für die Geisteswissenschaften vorteilhafte anzusehen sein. (4.) Vom besonderen Raum einer Forschung, die vergangene Begriffsverständnisse rekapituliert.

(1.)

Keine Zeile wollte Ian Watt auf das „Novel“-Verständnis jener Zeit verschwendet haben, deren „Novel“-Verständnis zu untersuchen er ausschritt. Was eine „Novel“ sei, ersähen wir klarer aus den uns vorliegenden „Novels“, als aus den diffusen Worten derer, die uns diese „Novels“ überlieferten:

For this investigation our first need is a working definition of the characteristics of the novel — a definition sufficiently narrow to exclude previous types of narrative and yet broad enough to apply to whatever is usually put in the novel category. The novelists do not help us very much here. It is true that both Richardson and Fielding saw themselves as founders of a new kind of writing, and that both viewed their work involving a break with the oldfashioned romances; but neither they nor their contemporaries provide us with the kind of characterisation of the new genre that we need; indeed they did not even canonise the changed nature of their fiction by a change in nomenclature — our usage of the term ‘novel’ was not fully established until the end of the eighteenth century.[1]

Horst Steinmetz, der Herausgeber von Gottscheds Schriften zur Literatur, bemüht sich im Nachwort, das er diesen mitgibt, zu erklären, warum Gottsched selbst sich nicht als „Literaturtheoretiker“ bezeichnete. Er liebte offensichtlich antiquierte Worte — und sah überhaupt noch vieles „naiver“ als wir dies tun:

Zwar spricht man heute nicht mehr von „Dichtkunst“ auch kaum noch von „Poetik“ sondern vornehmlich von „Theorie der Literatur“ doch im Wesen meint man damit dasselbe wie jenes, das Gottsched vor knapp 250 Jahren als „Dichtkunst„ bezeichnete. [...] Natürlich fehlt bei dem Theoretiker des 18. Jahrhunderts die heute gebräuchliche Terminologie; er kennt das Wort Struktur nicht, weiß nichts vom Typus oder von soziologischer Bezogenheit der Dichtung. Alles, was er ausführt, klingt darum in heutigen Ohren naiver [...]. Und gewiß ist bei Gottsched auch manches naiver. [... Ihm gebührt jedoch] die Ehre, der erste in Deutschland gewesen zu sein, der Dichtung und Poetik unter einem einheitlichen Gesichtspunkt sah, der erste, der ein durchdachtes System von Literatur vorlegte. Im Vergleich zu seinem Werk kann Opitz’ „Buch von der Deutschen Poeterey“ bei allem Respekt vor dessen Verdiensten, nur als schüchterner höchst unvollständiger Versuch gewertet werden.[2]

Wir gehen in unseren Wissenschaften davon aus, daß es die zu benennenden Dinge gibt: die „Literatur“, die „Novel“. Worte setzen wir mit dem Ziel, jeden unklaren Sprachgebrauch zu meiden. Anders als die Sprecher im allgemeinen Sprachgebrauch, erklären wir, was wir meinen, wenn wir ein bestimmtes Wort benutzen — schließlich streben wir an, das gewählte Wort danach nur noch für den von uns definierten Gegenstand zu verwenden.|<83>

(2.)

Unsere Begriffssetzungen sollen Streit um unklar gesetzte Worte verhindern. Tatsächlich streitet man jedoch darüber, was eine „Novel“, was „Literatur“, was „Kunst“ ist, fast ausschließlich dort, wo Fachleute auftraten und mit wissenschaftlichem Anspruch eine Klärung der Worte anboten.

Präzision ist unser Anliegen — tatsächlich verstricken wir uns jedoch fast überall, wo wir zu definieren beginnen, in uneindeutigen Definitionen: Es half Ian Watt nicht, daß er vorschlug, im Blick auf De Foes Robinson Crusoe zu klären, was eine „Novel“ sei. Selbst, da er nur noch mit einem einzigen Roman umging, mußte er erkennen, daß jede seiner Definitionen zu kurz griff, das komplexe Werk zu beschreiben. Alles scheint nach unseren heutigen Definitionen eine „Novel“ sein zu können — was gleichwohl nicht bedeutet, daß wir darum alles unter dem Wort untersuchen.

Eine zunehmende Differenzierung der Wahrnehmung soll unsere Terminologie leisten — das Gegenteil leisten wir: In den Geisteswissenschaften entstehen dort, wo sie arbeiten, fortwährend Bereiche, über die sich im Anschluß nicht mehr sinnvoll sprechen läßt: Man einigte sich darauf, mit Ian Watt De Foes Robinson Crusoe für eine „Novel“ zu erachten — es wurde im selben Moment schwierig, auszusagen, daß Robinson Crusoe für De Foe vermutlich keine „Novel“ war, und daß es für ihn gleichwohl „Novels“ — sich von allen „Romances“ unterscheidende „Novels“ — gab. Watt ließ keinen Platz für den Markt, der sich seit den Novelas Exemplares als Antwort auf die „Romances“ etabliert hatte — ein ununtersuchbarer Markt war das Ergebnis seiner Begriffsdefinition. Wir verengen Begriffe, doch fragen wir uns selten, wer sich danach noch um die Dinge kümmert, die wir aus unseren Beobachtungen ausklammern.

Verständnis für die Geschichte wollen wir mit unseren Begriffssetzungen ermöglichen — prekärerweise ersetzen wir jedoch fast überall, wo wir das Wort erheben, historische Verständnisse durch uns näher liegende. Uns selbst scheint am Ende vollkommen klar, daß Robinson Crusoe für De Foe eine „Novel“ war und Addisons Cato für Gottsched „Literatur“.

(3.)

Erfassen wir das, was die Geisteswissenschaften selbst regelmäßig als ihre eigene Ohnmacht beklagen — ihre Unfähigkeit, Klärungen zu schaffen, die scheinbar daher rührt, daß sie sich vornehmlich mit den komplexesten unerschöpflichsten Dingen befassen — als ihre verhohlene Produktivität.

Die pluralistische Gesellschaft benötigt Diskussionen. In ihnen artikulieren sich ihre Gruppen und Individuen; alle wichtigen Positionen und Allianzen werden in ihnen ausgehandelt. Als Anbieter von Diskussionen werden wir die Geisteswissenschaften begreifen müssen. Sie sind als solche überhaupt nicht daran interessiert, Diskussionen zu beenden.

Allerdings versuchen ihre Teilnehmer fortwährend, alle übrigen Teilnehmer zu entmachten, indem sie festlegen, welche Dinge fortan unter welchen Perspektiven diskutiert werden müssen, wenn die Diskussionen denn wissenschaftlich fortbestehen sollen.

Wem es gelingt, eine neue Materie in einer Diskussion zum Gegenstand zu machen, der sichert diese Diskussion als Ort, an dem er weiterhin auftreten kann; er entmachtet jedoch die, die in dieser Diskussion bis dahin das Wort ergriffen — sie taten es kaum mit Wissen um den zu diskutierenden Gegenstand. Entsprechend rasch wechseln in den Diskussionen die Verständnisse davon, was soeben diskutiert wird.|<84>

(4.)

Eine Forschung, die vergangene Verständnisse von Worten und Themen zu etablieren sucht, wird nach dem Gesagten in zwei Richtungen wirken: Sie wird zum einen sich als eine Hilfswissenschaft offerieren. Ihr Spezialgebiet ist die Erfassung vergangener Diskussionen; sie hilft jedem, der Kataloge, Lexica und Fach-Journale der Vergangenheit konsultieren will — ihn informiert sie über die Stichworte und Themen, die bestanden. Sie wird zum anderen absehbar eine forschungsimmanente, forschungskritische, fachgeschichtliche Position einnehmen. Zwei positivistische Regeln werden wir ihr ans Herz legen: erstens nur von den Dingen zu sprechen, von denen gesprochen wurde und sich dabei der Worte zu bedienen, mit denen von diesen Dingen gesprochen wurde, und zweitens primär darüber zu sprechen, was mit den untersuchten Dingen getan wurde.

Die zweite Regel geht aus der ersten hervor: Wir werden keine Geschichte der „Psychologie“, der „Biologie“ oder der „Sexualität“ in das frühe 18. Jahrhundert hinabverfolgen können, werden weder „deutsche Barockliteratur“ im 17. Jahrhundert ausmachen, noch De Foes Romane im frühen 18. Jahrhundert als „Novels“ ansehen können — solange wir denn Verständnisse des frühen 18. Jahrhunderts zu rekapitulieren suchen. Andere Themen interessierten im frühen 18. Jahrhundert, Themen auch, unter denen sich ganz andere Zusammenhänge herstellten. Um aber nicht unter der Hand die uns heute beschäftigenden Gegenstände zu schaffen, indem wir unsere Untersuchungen dieser Gegenstände fortbestehen lassen, werden wir es wagen müssen, unsere eigene Tätigkeit als Gebrauch der untersuchten Dinge zu begreifen: Wir gebrauchen Romane, Bilder, Musik des frühen 18. Jahrhunderts, wenn wir sie unter unseren heutigen Begriffen untersuchen. Ein ganz anderer Gebrauch wurde von Romanen, Bildern und Musik im frühen 18. Jahrhundert gemacht — ein Gebrauch, zu dem sich ganz andere Themen und Worte eigneten.

Indem wir über den Gebrauch, den man von den Dingen machte, schreiben, entgehen wir der Gefahr, mit Worten der vergangenen Zeit Dinge sagen zu müssen, für die diese Worte nicht gemacht waren. Über beobachtbaren Gebrauch schreibend werden wir zudem genauer als mit jedem anderen Projekt Diskurse in ihren spezifischen Grenzen und Verbreitungen erfassen.

Fraglich wird an dieser Stelle scheinen, ob sich die vorliegende Untersuchung dem Glauben hingibt, sie könnte vergangene Verständnisse wieder aufleben lassen. Sicherlich nicht. Sie wird darüber sprechen, wie Leser, Autoren, Rezensenten im frühen 18. Jahrhundert von Romanen sprachen — nicht jedoch Romane lesen, wie man sie vor 300 Jahren las.

Eine bestimmte Vorstellung davon, wie Diskurse sich im Lauf der Geschichte verändern, war mit dem Vorangegangenen verbunden. Das folgende soll ihre Prämissen ansprechen.|<85>


  1. Ian Watt, The Rise of the Novel. Studies in Defoe, Richardson, and Fielding (London, 1957), p.9-10.
  2. Horst Steinmetz, „Nachwort“ zu: J. Chr. Gottsched, Schriften zur Literatur, ed. H. Steinmetz (Stuttgart, 1972), p.368-71.